Sein über die hohen Baumwipfel ragendes Erkennungszeichen – das 34 m hohe Denkmal eines schwerttragenden Bismarck – ist in mehrfacher Hinsicht sperrig. Das den Park seit 1906 dominierende Bauwerk mit seiner problematischen Symbolik ist jedoch nur ein Aspekt dieses wichtigen Hamburger Parks. Die Gestaltung des Ortes reicht zurück bis in die Zeit der Religionskriege, die Europa zwischen 1618 und 1648 verheerten.

„Hambvrgvm“ von Matthäus Merian dem Älteren. Aus: Merian, Matthäus (1653) Topographia Saxoniae Inferioris, Frankfurt am Main. Via Wikimedia Commons

„Hambvrgvm“ von Matthäus Merian dem Älteren. Aus: Merian, Matthäus (1653) Topographia Saxoniae Inferioris, Frankfurt am Main. Via Wikimedia Commons

Hamburg war auf die Gefahren des 30-jährigen Krieges nicht unvorbereitet: Man hatte den holländischen Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh (um 1575-1625) gewonnen, nach den modernsten Erkenntnissen der Kriegsbaukunst einen halbkreisförmigen Erdwall nördlich um die gesamte Stadt zu ziehen. Ein aus der Alster gespeister Wassergraben umgab diesen Wall, aus dem 22 große Bastionen und kleinere Ravelins auskragten, um von dort Angreifer noch vor einer Erstürmung bekämpfen zu können; Spitze Holzpfähle auf der Wallkrone, eine nach außen abfallende Erdaufschüttung mit freiem Schussfeld – das Glacis – und der Bau zusätzlich vorgelagerter Verteidigungsanlagen wie der “Sternschanze” vervollständigten die Anlage. [1]

Für die Errichtung der Wallanlagen wendete Hamburg zwischen 1614 und 1624 ein Viertel seiner Einnahmen auf. Van Valckenburgh fiel bereits ein Jahr nach Fertigstellung der Anlagen bei Den Haag im Kampf gegen das spanische Heer. Für Hamburg aber zahlte sich der Einsatz aus: Während des 30-jährigen Krieges wurde kein einziger Angriff auf die so schwer gesicherte Stadt unternommen. Im Gegenteil zog Hamburg zahlreiche Flüchtlinge an und ging aus dem Krieg als wohlhabendste und bevölkerungsreichste deutsche Stadt hervor. [2]

Auch bei späteren Kriegshandlungen wie der Belagerung durch den Dänenkönig Christian V. im Jahre 1686 diente der Wallring erfolgreich der städtischen Verteidigung:

„Den 22ten verfügte ich mich gar frühe auff dem Walle, weilen ich wegen des unaufhörlichen Schiessens die vergangene Nacht wenig geruhet, umb zu sehen, wie weit die königlichen avancieret. Ich fand aber die Denischen noch in voller Arbeit, und hatten sie bereits von dem Strande über dem Hamburger Berge, die St. Pauli Kirche vorbey, bisß an die Seiler Bahn, eine Linie gemacht und sich eingeschnitten, weßwegen man denn diesen gantzen Morgen sonder auffhören von den Wallen feurete, um die fernere Arbeit zu verhindern. [...] Dieser gantze Tag wurde mit fleissiger Arbeit auf den Wällen zugebracht, blendungen und Schantz=Körbe verfertiget, und noch mehr Stücke herbey geschaffet. Umd drei Uhr Abends ging das heftige Cannoniren von allen Seiten nach der Sternschantze an, und setzten die Königl. Solche mit Bombeneinwerffen heftig zu und kamen mit denen Aprochen sehr nahe; es stund solche Schantze die gantze Nacht gleichsam in Feuer und Flammen.“ [3]

Isaak Altmann (1777-1837)

Isaak Altmann (1777-1837)

Als der Festungsring gegen die fortgeschrittene Waffentechnik keinen Schutz mehr bieten konnte, beschloss der Senat 1804 seine Umwandlung in eine Parkanlage. Mit der Einnahme der Stadt durch das napoleonische Heer zwei Jahre später wurde die begonnene Entfestigung zwar zunächst rückgängig gemacht, doch konnte nach dem Abzug der Besatzer das Vorhaben erneut begonnen werden. [4]

Unter der Leitung des Bremer Kunstgärtners Isaak Altmann wurden zwischen 1820 und 1833 die scharf profilierten Erdbauwerke in eine weich modellierte Grünanlage „im Geschmack der Natur“ umgewandelt, [5] die mit geschwungenen Wegen, weiten Wiesenflächen, Alleen und naturnah gruppierten Gehölzen eine idealisierte Landschaft schufen. Sicher vorrangig aus ökonomischen Gründen blieb dabei die charakteristische Grundform der Fortifikationsanlage im geschlängelten Grabenverlauf und der abgerundeten Bastionsflanken erhalten. Ein Zeitgenosse berichtete 1827:

Grundriss des Hamburgischen Walles und der daran gränzenden Strassen. gez. C. A. Schwarz. Hamburg 1834 (Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg)

Grundriss des Hamburgischen Walles und der daran gränzenden Strassen. gez. C. A. Schwarz. Hamburg 1834 (Ausschnitt. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg)

„Während neben dem Fahrwege auf der Höhe eine alte Promenade hinläuft, führen mehrere Wege am Abhange und am Fuße des Hügels den Wanderer, der eben das Gewühl des Altonaer Tors verläßt, in die ruhige Stille eines Akazienwäldchens hinter der Sternwarte und aus diesem zu einer Tannenpartie, welche ein Pulvermagazin verbirgt. Bald eröffnet sich vor ihm ein geräumiger Spielplatz, für die Jugend bestimmt, während ein buschreicher weg den freund der Einsamkeit um denselben herumführt; eine zweite Tannenpartie, mit Akazien umgeben, und Rosen mit immergrünen Bäumen verschiedener Art bieten das Bild des kräftigen Männlichen Alters und der Blüte der Anmut, aber Trauerweiden unter Mannigfach blühenden Sträuchern und Stauden deuten auf den Ernst des Lebens hin, doch auch hier umgeben blühende und duftende Gesträuche den Wanderer, und ein Sitz ladet ihn zur Ruhe ein [...]. [6]

Der Hafen Vom Stintfang Gesehen / Gezeichnet und in Stahl gestochen von James Gray. - Hamburg : Berendsohn, 1857 (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg)

Der Hafen Vom Stintfang Gesehen / Gezeichnet und in Stahl gestochen von James Gray. - Hamburg : Berendsohn, 1857 (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg)

Plan des Ausstellungsparks der Internationalen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg (Bildarchiv Museum für hamburgische geschichte. Repro aus Gustav Allinger, Das Hohelied von Gartenkunst und Gartenbau : 150 Jahre Gartenbau-Ausstellungen in Deutschland. Berlin/Hamburg 1963, S.34)

Plan des Ausstellungsparks der Internationalen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg (Bildarchiv Museum für hamburgische geschichte. Repro aus Gustav Allinger, Das Hohelied von Gartenkunst und Gartenbau : 150 Jahre Gartenbau-Ausstellungen in Deutschland. Berlin/Hamburg 1963, S.34)

Hängebrücke auf der IGA 1869 (Foto: C. Damann, 1869)

Hängebrücke auf der IGA 1869 (Foto: C. Damann)

Mit der Ausrichtung der ersten Internationalen Gartenbauausstellung in Hamburg im September 1869 veränderte sich diese am „klassischen Landschaftsgarten“ orientierte Gestaltung in dem Abschnitt des Wallringparks zwischen Landungsbrücken und Millerntor. Die Gesamtplanung übernahmen Architekt Martin Haller (1835-1925) und der Garten-Ingenieur Friedrich Joachim Christian Jürgens (1825-1903) im Stil des Biedermeier: Den nun buchtenreichen Wallgraben überspannte eine Hängebrücke, und die Rasenhänge präsentierten sich durch Gehölzpartien und Teppichbeete ornamental geschmückt. Dauerte die Ausstellung auch nur 11 Tage, so formte sie doch eine vom Rest der Wallanlagen getrennte Anlage und damit das Areal, das heute als „Alter Elbpark“ überkommen ist. [7]

IGA 1869 (Foto: C. Damann)

IGA 1869 (Foto: C. Damann)

Diese erste Internationale Gartenbauausstellung erfuhr 1897 in den Teilen nördlich des Millerntors eine erfolgreiche Wiederbelebung, die im 20. Jahrhundert schließlich in die Tradition der Niederdeutschen Gartenschau „Planten un Blomen“ und der IGA’s  mündete. Mit dem Bau der Kerstin-Miles-Brücke (1897) sowie dem Bau der Cuxhavener Allee und der Helgoländer Allee anstelle des alten Wallgrabens wurde der Alte Elbpark um 1900 stärker in die Verkehrsströme der Stadt einbezogen.

Blick auf Seewarte und Kerstin-Miles-Brücke aus Norden, um 1900 (Wikimedia commons)

Blick auf Seewarte und Kerstin-Miles-Brücke aus Norden, um 1900 (Wikimedia commons)

Mit der Seewarte (1881) gehörte der Alte Elbpark Teil zu einer als Bildungslandschaft verstandenen Inszenierung, die im Norden durch den Bau der Kunsthalle (1869), dem Strafjustizgebäude (1882), dem Dammtorbahnhof (1903), der Musikhalle (1908), dem Museum für Hamburgische Geschichte (1918) und vielen weiteren öffentlichen Einrichtungen in Beziehung gesetzt wurde: Auf den Höhen der ehemaligen Bastionen präsentierte die Hansestadt in einer gepflegten Parklandschaft ihre kulturellen Leistungen.

Bismarckdenkmal im Alten Elbpark (Postkarte 1914)

Bismarckdenkmal im Alten Elbpark (Postkarte 1914)

Mit der Entscheidung, im Alten Elbpark eine Statue zu Ehren des verstorbenen Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815-1898) zu errichten, erreichte das großbürgerliche Repräsentationsbedürfnis eine neue Stufe. Die der Elbmündung zugewandte Monumentalplastik scheint vorrangig den Machtanspruch des Deutschen Reiches zu symbolisieren. Doch verbirgt sich mehr dahinter als nationalistische Überheblichkeit und Personenkult: Nach kontroversen Diskussionen wählte das Hamburger Wettbewerbkomitee unter 182 Entwürfen die Arbeit des Bildhauers Hugo Lederer (1871-1940) und des Architekten Johann Emil Schaudt (1871-1957). Diese Arbeit ging über die zeitgenössische Kunst hinaus, als sie eine überzeitliche Bedeutung des Reichkanzlers darzustellen suchte. Sie bediente sich dabei nicht nur der Rolandspose mit dem blankgezogenen Schwert, die traditionell die Stadtrechte symbolisierte: Die geometrisierende, in ihrem flache Relief mit der Architektur verschmelzende Plastik stand im Gegensatz zu zahllosen naturalistischen Persönlichkeitsdarstellungen dieser Zeit, die nicht nur Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark (1852-1914) als „innere Belanglosigkeit“ abtat. Im Überschreiten einer bloßen Persönlichkeitsdarstellung durch Abstraktion kann daher ebenso eine Glorifizierung wie eine Distanzierung gesehen werden, die sich von der „Hofkunst“ des Deutschen Kaisers abwandte. [8]

Bismarckdenkmal in der Königstraße in Hamburg-Altona von 1898 (Foto: Hinnerk11, 2013, via wikimedia commons)

Bismarckdenkmal in der Königstraße in Hamburg-Altona von 1898 (Foto: Hinnerk11, 2013, via wikimedia commons)

Die Umgebung indessen hielt mit dem inneren „Monumentalismus“, in dem sich mehr gedankliche als physische Größe ausdrücken sollte, nicht mit: Der Park präsentierte sich weiterhin mit biedermeierlichen Schlängelwegen, Teppichbeeten und einer romantischen Knüppelholzbrücke über einen pittoresk gebuchteten Teich: Diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Kritik geratene traditionelle Gartenkunst stand im krassen Gegensatz zur Modernität der Architektur.

Hatte die Bismarck-Monumentalskulptur noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts deutschlandweit als wegweisend gegolten, so scheint die Monumentalitätsidee in der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend verflacht zu sein und sich im Personenkult mit Kranzniederlegungen im Fackelschein erschöpft zu haben. Höhepunkt dieser ideologischen Vereinnahmung bildeten die textlichen und bildhaften „Schmückungen“ im Sockelinnern, die um 1939-1941 vorgenommen wurden, als der hohle Sockel zu Zivilschutzräumen ausgebaut wurde. Die aus dem Zusammenhang gerissenen Bismarck-Zitate schienen den deutschen Faschismus nachträglich legitimieren zu wollen. [9]

Alter Elbpark aus Südwesten (Postkarte um 1910)

Alter Elbpark aus Südwesten (Postkarte um 1910)

Die Erfahrungen der NS-Herrschaft und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs schließlich führten zu neuerlichen Umgestaltungen des Parks. Nachdem die nationalsozialistische Architektur mit überdimensionierten Baugrößen den Begriff der Monumentalität vollends in Misskredit gebracht hatte, erhielt die Casparus-Bastion mit dem Bismarckdenkmal 1954 einen Baumkranz von 10 Meter Höhe, um die ungeliebte Architektur optisch zu verdrängen. Die ehemals bewegte Topographie an der Helgoländer Allee wurde teilweise mit Trümmerschutt verfüllt und zu weiten Rasenflächen eingeebnet. Auch das Wegesystem wurde im Stil der Nachkriegsmoderne vereinfacht sowie Zierpflanzungen entfernt. Mit der Jugendherberge auf dem Stintfang im Jahr zuvor wurde ein neue Weltoffenheit inszeniert deren Baustil ebenso wie ihre Nutzung einen Neuanfang versprachen, der mit dem Neubau der Bahnstation Landungsbrücken 1959 seinen vorläufigen Abschluss fand.

In der Fülle einander überlagernder Zeitschichten manifestieren sich neben prägender Stadtbaugeschichte auch divergierende Vorstellungen von Kunst und Gesellschaft. An der Schnittstelle zwischen Neustadt und St. Pauli, zwischen der altehrwürdigen St. Michaelis-Kirche und „Tanzenden Türmen“ der Konsum- und Spaßgesellschaft von St. Pauli tut Hamburg gut daran, seine Geschichte kritisch zu reflektieren. Der Alte Elbpark ist dafür prädestiniert.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Wallanlagen

[2] ibid

[3] Bericht über die Belagerung Hamburgs im Jahre 1686. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 8, Hamburg 1888, S. 99f.

[4] Michael Goecke, Stadtparkanlagen im Industriezeitalter : Das Beispiel Hamburg. Hannover/Berlin 1981, S. 17

[5] ibid

[6] Ansichten der Freien Hansestadt Hamburg, Bd. II. Zitiert nach Goecke, Stadtparkanlagen, 1981, S. 20

[7] Gustav Allinger, Das Hohelied von Gartenkunst und Gartenbau : 150 Jahre Gartenbau-Ausstellungen in Deutschland. Berlin/Hamburg 1963, S.33

[8] Jörg Schilling, «Distanz halten«: Das Hamburger Bismarckdenkmal und die Monumentalität der Moderne. Göttingen 2006, S. 52f, 96

[9] Ibid, S. 355ff